Äthiopien-Reise der Berliner Landesstelle vom 9. bis zum 23. April 2014

Aus dem Tagebuch von Martin Rammensee

LSt-LogoZwei Wochen lang besuchte ein siebenköpfiges Team der Landesstelle das Heimatland des Fortbildungsteilnehmers Mubarek Nur. Die Reise führte aus der Hauptstadt Addis Abeba u. a. zu Stätten des Weltkulturerbes, in das Zentrum der Rastafari-Bewegung und in eine ökologisch orientierte Hotelanlage im Süden des Landes. Das Hauptziel der Reise war aber das Dorf Weira, aus dem Mubarek Nur stammt. In einem Modellhaus wird seither der Einsatz nachhaltiger Technik bei der Entwicklung auch abgelegener Regionen demonstriert.

Martin Rammensee hat den Aufenthalt in Äthiopien in einem spannenden Tagebuch festgehalten.

lstethMittwoch, 9. April 2014, Flug nach Addis Abeba

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Dipl.-Ing. Martin Rammensee
ist an der Landesstelle tätig als fachpraktischer Ausbilder

Die Reise nach Äthiopien beginnt.

Kurz bevor wir zum Flughafen Tegel fuhren, hatte ich noch die Hauswasseranlage meiner Tochter Maëlle angeschlossen. Jetzt um 14.00 Uhr, Lokalzeit 15.00 Uhr, sind wir im Landeanflug auf Istanbul. Unten viele kleine Schiffe auf dem Bosporus. In Tegel war die Gepäckaufgabe etwas hektisch, hatten wir doch über 30 kg zu viel Gepäck, was zusätzliche Kosten von beinahe 700 € bedeutete. Aber Mubarek verbreitete so lange Hektik, packte aus und um, bis die Damen am Schalter entnervt aufgaben und wir nichts zuzahlen mussten.

Um 19.30 Uhr, nach einigen Stunden Aufenthalt auf dem Flughafen, starteten wir über das sonnenbeschienene Istanbul mit den vielen Minaretten hinweg in den Abendhimmel. Hatte vor dem Start noch kurz meine Tochter Maëlle angerufen, die heute in Französisch und Geschichte für das 2. Staatsexamen die letzten Unterrichtsproben hatte. Ist prima gelaufen und jetzt sitzen sie in Heiligensee im Garten und trinken Champagner.

Auf dem Flughafen in IstanbulUnd ich lasse mich in den Sitz fallen und höre im Kopfhörer David Garrett „Encore". Draußen der Himmel, oben ein helles lichtes Blau, mit einem gelben Rand, der das Licht von der Finsternis trennt. Links von mir sitzt Conny, rechts Jana, drüben Mubarek und Hailu, weiter vorn Klaus und neben dem Notausgang Michael, der für seine Beine besonders viel Platz braucht. Was uns die Reise nach Äthiopien wohl bringen wird? Schaffen wir unsere Aufgaben, Mubareks Idee von einem Musterhaus voller regenerativer Träume, einer neuen Welt aus Licht, Wasser und Erde, voller sanfter Energien?

Äthiopienwpicon, ein Land mit viel Geschichte und Geschichten, sicherlich nicht europäisch geprägt, obwohl wir es unserer historisch linearen Wahrnehmung unterordnen, aber dort ein ganz anderes Leben, nur ein paar Flugstunden von uns entfernt.

Da ich in meinem Tagebuch nicht genügend Platz habe, kaufte ich mir noch extra ein Schreibheft. Hoffe, dass ich auch regelmäßig zum Schreiben komme. Abends gibt es ja in Weira kein Licht, nur meine Stirnlampe und ein paar Teelichter. Vorhin im Istanbuler Flughafen haben wir sehr viel zusammen gelacht und Fotos von uns gemacht.

Toll, unsere Reise nach Äthiopien hat begonnen.

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Stationen der Reise

Aber immer diese langwierige Vorbereitung, die Vorauswahl der von uns angestrebten Aufgaben, die vielen Dinge, die wir mitnehmen müssen. Getrieben durch das Dingliche, aber wie beginnen? Haben wir das Recht so aufzutreten, als die Reichen mit silbernen Kisten voller Sachen, leuchtende Dinge, Licht, das, wie aus einem Wunderhorn geschüttet, Segen bringen soll?

Für uns andererseits ein Zugewinn an Wissen, was können wir in den Kursen der Landesstelle anbieten, macht unsere Arbeit Sinn, also alles unter äthiopischem Licht auf den Prüfstand.

Draußen wird es Nacht. Unser Flugzeug reitet auf dem Wind, schüttelt sich und bockt. Unter uns Ägypten, links silbern der Nil, auf dem wir vor einigen Jahren stromaufwärts entlanggefahren waren, wo wir damals im Totentempel der Hatschepsut Reliefs ihrer ausgesandten Expedition ins sagenumwobenen Goldland Punt sahen, Reliefs mit Schiffen. Und wir gleiten jetzt weit oben auf ehernen Schwingen durch die Nacht, gleiten durch Feuerwolkenbänder, im Ohr Garretts Melodien.

(Unser ganzes Leben eine immerwährende Reise zwischen und mit den uns Lieben, durch fremde Länder, Bilder und Erinnerungen. Und immer ist da dieses Weitergehen, die Suche nach dem Neuen, nach dem Anderen, dieses Transformieren, das Unbekannte in unsere Formen, die fremde Sprache ins Vertraute, durchs Unbekannte zum Licht, durch Wüsteneien, über Meere durch Wälder und weiter. Immer auf der Suche nach dem Anderen, das nicht nur Außen ist, sondern auch in uns, diese stete Veränderung, ohne die nichts lebt.)

Und jetzt unterwegs nach Äthiopien, in eine andere Welt auf einem anderen Kontinent.

Auf dem Bildschirm vor mir Szenen eines Films, ein Liebespaar in den 30er Jahren, Bilder wie am Boulidou, mein weiteres Paradies, tief im Süden Frankreichs, auch so voller neuer Düfte, anderer Geräusche, voller Wolkenformationen, aber auch Welten entfernt...

Bin zu überdreht um schlafen zu können. Im Ohr der kleine Knopf mit „Best Films Classics" mit Musik von Strauß, Wagner, James Horner, Mozart etc. Habe vorhin auf Maëlle mit einem Glas Rotwein angestoßen. Sitzen jetzt sicherlich immer noch in Heiligensee zusammen und feiern.

Jetzt Mozarts Requiem. Lässt mich an unsere Choraufführungen denken. Musik, einfach göttlich, auch Gottesdienst. Was vermag der Mensch nicht wunderschönes zu schaffen, um dann aus Hass heraus, die Kehrseite der Liebe, häufig alles wieder zu zerstören.

Die nächsten zwei Wochen so ganz ohne Musik, nur die Natur, der Wind, das Rascheln der Blätter, das Trommeln der Regentropfen, die Stimmen der Tiere, das Lachen der Reisegefährten. Ob wir wohl auch zum Singen kommen? Meine Flöte, meine Mundharmonika habe ich nicht mitgenommen.