lstethDonnerstag, 17. April 2014, Fahrt von Weira nach Konso

Am Morgen in Weira von Sonnenstrahlen geweckt. Verpacken alles, auch unsere Liegen, die in Weira bleiben. Freue mich jetzt schon nach fünf Tagen ohne richtige Waschgelegenheit auf eine Dusche. Sicherlich können wir die heute Abend in Konso nehmen, mal sehen.

Der Bürgermeister erklärt uns nochmal ausführlich die Kaffeezeremonie, die ja Conny und Jana schon von den Frauen gezeigt wurde. Die Kaffeezeremonie wird von einer Frau auf einer Fläche mit frisch gestreutem Gras zelebriert. Zuerst werden die getrockneten Kaffeebohnen gewaschen und ausgelesen. Danach auf einer Eisenplatte oder Pfanne über einem offenen Feuer geröstet. Dabei wird uns der Duft der frisch gerösteten Bohnen ins Gesicht gewedelt.

Anschließen wird der Kaffee in einem Mörser gestampft und schließlich in einem bauchigen Topf (Jabana) dreimal aufgekocht, damit sich der Kaffeesatz absetzt. Bis zu dreimal wird derselbe Kaffee gebrüht und pur oder mit Salz in kleinen Tassen serviert (wir bekamen Zucker dazu). Dazu gibt es Knabbereien aus geröstetem Getreide, Kichererbsen oder Popcorn.

Wir schultern unsere Rucksäcke, ein letzter Blick zurück, gehen wir die Grasfläche zwischen den Rundhütten entlang. Weiter vorn stößt zwischen den Kühen und Eseln ein bereits hoch beladener Bus schwarze Dieselwolken aus. Um ihn herum bewegt sich eine große Menschenmenge in bunten Gewändern. Fast hätte ich unser Landesstellenemblem über dem Eingang zum Musterhaus vergessen. Immer mehr Säcke und Taschen wandern in den Bus, vorbei an Gesichtern mit blitzenden Augen und lachenden Mündern. Nicht lange und ich bin bis in Schulterhöhe mit Gepäckstücken zugebaut.

Neben mir drückt eine ältere Frau ihre in einem Korb befindlichen Hühner ängstlich gegen ihre Brust. Ein alter Mann in weißem Burnus, seinen langen Spazierstock über den Arm gehängt bleibt hoffnungslos verheddert in den Schleifen der Rucksäcke hängen. Aus den Lautsprechern dringt scheppernd amharischer Gesang, begleitet von Trommelschlägen. Zuvor hatten wir noch versucht den Abtransport unserer gesamten Werkzeugkisten nach Addis zu verhindern. Aber zu spät, sie waren schon aufgeladen und der Busfahrer fuhr ab.

Schaukelnd und schlingernd setzt sich der Bus Richtung Flussbett in Bewegung. Immer wieder setzen die Radkästen auf den Reifen auf, wirbelt der Bus Wolken von rotem Staub empor und macht so die neben dem Bus rennenden Kinder zu Schemen. Nachdem wir die Straße ins Zentrum von Weira erreicht haben, wird schnell unser Gepäck, außer den auf dem Busdach festgezurrten Werkzeugkisten in unseren Toyota umgeladen. So beginnt unsere 11-stündige Reise nach Konso in den Süden von Äthiopien.

Immer wieder säumen die Straßen viele schöne Rundhäuser. Eine Staubwolke hinter uns herziehend fahren wir eine über eine mäandernde Straße durch abgegraste Hügel, über die Kuhherden ziehen. Fast erinnert die Landschaft an das Allgäu, wären da nicht die immer wieder auftauchenden, so ganz anderen Baumgruppen und diese rote Erde. Immer wieder queren wir Flüsse, in denen Frauen Wäsche waschen und diese wie einen gewaltigen Flickenteppich auf den Felsen drapieren. Dazwischen ins Wasser getriebene Viehherden und große Lastkraftwagen, die im selben Wasser gewaschen werden. Und überall die Esel mit ihren Kunststoffbehältern, in die das Flusswasser geschöpft wurde, um sie zu den weiter weg gelegenen Häusern zu transportieren.

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Immer wieder Tukuls (Rundhäuser)
am Straßenrand
Kuhherden

Flusswäsche

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Pflügen

Nester von Wasservögeln neben
„Bienenrolle“
Wasserflächen am Horizont

Später tauchen weiter unten die ersten Wasserflächen, der Abaya Hayk (Abajaseewpicon) und der Chamo Hayk (Chamoseewpicon) auf, zwei gewaltige Seen. Weiter und weiter geht die Fahrt. Kinder kommen aus der Schule, ihre Bücher und Hefte unter den Arm geklemmt, die Mädchen tragen noch einen Wasserkanister in der Hand, häufig auch nur eine Kalebasse. Am Straßenrand liegt leblos ein Mann, mehrere Menschen beugen sich über ihn.

Später sitzen Marabus auf den Schirmakazien, daneben hängen viele zusammengerollte Rohrmatten als Bienenstöcke. Auf dem flimmernden Asphalt liegt ein Kuhskelett, der Rest, den die Geier und Hyänen übrig ließen. Kurz vor Arba Minchwpicon kommt uns ein Konvoi der UN entgegen. Immer kleiner und armseliger werden die Rundhütten der Siedlungen am Straßenrand, kurvt unser Fahrzeug durch endlose Rinder- und Ziegenherden, deren Blöken uns bis in die Nacht hinein begleitet.

Hin und wieder sehen wir im Dunkel der Nacht das Flackern eines Herdfeuers, hören wir wie einen Klangteppich das Zirpen der Grillen, taucht im Scheinwerferlicht ein Kuhreiher auf. Immer wieder schaukelt unser Auto durch ausgetrocknete Flussbetten, durch die in der Regenzeit tosend das Wasser schießt, alles mit sich reißend.

Als wir in Konsowpicon ankommen, können wir es kaum glauben, fühlen uns in eine Filmszenerie mit Safari-Lodge versetzt, lassen uns, nachdem wir unsere Zimmer zugewiesen bekamen, einfach auf die Betten fallen, unsere Blicke wandern die toll geflochtenen Wände und Dächer nach oben, die wir im elektrischen Licht sehen können.

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Jeder bekommt eine Rundhütte zugwiesen Blick unters Dach Der Blick geht weit übers Land

 

lstethFreitag, 18. April 2014, Konso und Rückfahrt bis Hawassa

Wieder ein Platz auf dieser Erde wie in einem Paradies des Unwirklichen, Märchenhaften. Über die grasgedeckten Dächer des Lodges geht mein Blick weit hinaus über das Land auf Vulkankegel, gewaltige Baumriesen, die in den Himmel ragen, unterlegt mit dem Rauch aus vielen Holzkohlenfeuern, weiter hinten, Ende eines Passepartout aus Licht und Schatten der Schimmer eines großen Sees. Wenn wir diese imaginäre Linie aus Licht und Schatten überschritten, erreichten wir Kenia.

Zuerst einmal gibt es ein üppiges Frühstück auf der Terrasse des Lodges, eingerahmt vom farbigen Schimmer üppiger Kletterpflanzen. Aus der Küche dringt der Geruch von frisch geröstetem Kaffee, weiter oben das Geräusch von Strohbesen, die über die Steine fegen, das Geplapper der Frauen, manchmal ein kurzer Gesang. Am Abend zuvor über uns ein ungeheurer Sternenhimmel, der große Wagen auf den Kopf gestellt, der Vollmond am nächtlichen Himmel, kurz zuvor blutrot aus dem am Horizont liegenden See emporgestiegen. Wenn er abnimmt, sehen wir eine liegende Sichel, wie die Himmelsbarken auf den Wänden der ägyptischen Tempel, für immer in Stein gemeißelt, auf den steinernen Geschichten der Hatschepsut vom sagenhaften Goldreich Punkt erzählend.

Unterhalb von Konso halten wir vor der Strawberry Fields Eco-Lodge Konsolink-extern, einer Garten-/Parkanlage, vor sieben Jahren von einem Iren gegründet, mit vielen eco-Elementen, wie Regenwassernutzung, Solaranlagen, Komposttoilette, Backöfen, Baumschule, Kompostgewinnung, Terra Preta, Unterkünften und Restaurant. Zur Zeit ist der Gründer allerdings nicht da, da sein vorheriger Verwalter das gespendete Geld missbräuchlich verwendete und nach seiner Kündigung den Leuten der Lodge das Leben schwer macht. So ist der Gründer der Lodge unterwegs, um für das Projekt wieder neue Gelder einzuwerben, die sein Paradies und seine Idee, die Kleinbauern zu unterstützen, weiterbringen. Gerade vor Konso sind sehr große Bananenplantagen entstanden, die die Kleinbauern von ihrem angestammten Land vertreiben und von großen Konzernen betrieben werden.

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Kaffeepflanzen im Eco-Lodge Konso Unterricht im Eco-Lodge Wassermanagement

Fahren von Konso aus den ganzen Weg Richtung Addis zurück. Essen in Arba Minch zu Mittag, Injera mit Hähnchen, wollen noch mindestens bis Shashemene kommen. Machen eine größere Pause auf dem Awasa Hayk, einem großen See, auf den wir mit einem Boot hinausfahren. Nach einer halben Stunde stoßen wir auf Nilpferde mit ihren Jungen, von denen wir allerdings nur die Köpfe sehen. Fahren nicht zu nahe an die Tiere heran, da diese sehr gefährlich werden können. Auf dem Weg zurück tuckern wir durch sehr flaches Wasser mit vielen Wasserpflanzen, in denen unzählige Vögel nisten. Die Fischer auf dem See paddeln in sehr niedrigen Papyrusbooten über den flachen See. In der Nähe des Ufers tummeln sich viele Pelikane und Marabus, Flamingos und Kormorane.

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Nilpferde Marabus Am Ufer des Ziwaysees

In einem anschließenden Park mit sehr altem Baumbestand laufen kleinere Affen über den Boden, betteln auch einmal die Besucher an. Wir fahren weiter an den Ufern des Langanosees mit seinem rötlich braun gefärbten Wasser entlang. Hier tauchen jetzt auch zum ersten Mal Termitenhügel auf, deren grünbewachsene Spitzen an Mützen erinnern und über eine lange Strecke die Ebenen links und rechts der Straße säumen.

Am Ufer des Ziway Hayks (Zway-Seewpicon) machen wir noch einmal eine Pause und laufen runter zu den Ufern des Sees, wo immer wieder Pelikane oder Seevögel auffliegen. Bedächtig staken die Marabus durchs flache Wasser. Vor uns jetzt ein gewaltiger Baumriese, dessen gewaltiger Stamm seine Wurzeln bis in das Wasser des Sees schickt. Klaus steigt ihn empor, schaut von oben durch das weit ausladende Geäst.

Vor den Toren des Parks essen wir leckeren Fisch aus dem See, der auf alten, flach gehämmerten Ölfässern zubereitet wird. Und weiter geht die Fahrt. Gegen Abend überrascht uns ein schweres Gewitter mit Blitz und Hagel, so dass unser Fahrer Alex das Auto anhalten muss. Unzählige Blitze durchfurchen waagerecht den dunklen Himmel. In ihrem schemenhaften Licht tauchen immer wieder alte Vulkankegel auf. Vor und nach dem Gewitter kommen uns, bis es endgültig Nacht wird, unzählige Eselskarren entgegen, voller weißgekleideter Frauen und Männer, oft im Scheinwerferlicht auftauchend und nur am Klingeln kleiner Glöckchen zu erkennen.

Suchen in Hawassawpicon zuerst das Heile-Debraselassi-Hotel auf, einen gewaltigen „europäischen" Hotelkomplex, der wegen des anstehenden Osterfestes jedoch komplett belegt war. Im GEP Gezahegn und Elfenesh Hotel und Resort bekamen wir dann doch noch Zimmer. Hawassa ist eine Stadt mit 200 000 Einwohnern und einer großen Universität. Überall in der Stadt pulsiert das Nachtleben, blinken Lichterketten und Hinweisschilder. Saßen abends um 22.00 Uhr noch als einzige Gäste im Restaurant, essen noch eine Kleinigkeit und trinken Bier. Im Fernsehen das Erdbeben in Mexiko City.

lstethSamstag, 19. April 2014, von Hawassa nach Addis Abeba

Am Morgen drehe ich mit Klaus im hoteleigenen Schwimmbad einige Runden. Im Hintergrund sitzen immer mehr Geier auf den Dächern. Als ob die in uns ein gefundenes Fressen sehen. Eine irgendwie fragwürdige Situation. 150 km von hier haben die Menschen kein sauberes Wasser, schöpfen ihr Trinkwasser aus verschmutzten Flüssen und Wasserlöchern, leiden wegen des schmutzigen Wassers an Augenkrankheiten. Und wir schwimmen in klarem Trinkwasser.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir in Shashemenewpicon an, dem Mekka der Rastafaris. Wir wollen eine ihrer Niederlassungen näher kennenlernen.

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Wir sind in Shashemene Mubarek im Verkaufsgespräch Klaus ist schon fast ein Rastafari

Die Bewegung der Rastafaris wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Jamaika begründet. Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist Bob Marley. Ihr Ziel war es, für die Nachfahren der nach Amerika verschleppten Sklaven einen neuen Staat zu gründen. Der Anführer der Rastafaris soll gesagt haben: „Seht nach Afrika, dort wird ein schwarzer König gekrönt werden, durch ihn wird der Tag der Befreiung kommen". Später erklärte der Prediger Leonard Howell: „Haile Selassie sei Gott" und die Schwarzen seien mit den nach Babylon verschleppten Juden gleichzusetzen.

Seine Anhänger hielten sich an bestimmte Speisevorschriften, z. B. dem Verbot von Schweinefleisch, Schalentieren, Alkohol und Salz, während des Niyabingi eines Gottesdienstes, war das Rauchen von „wisdom weed", d. h. Marihuana (Ganja) Teil der Kommunikation zwischen den Gläubigen.

Die Rastafaris wurden immer wieder von der Polizei bedrängt und zogen sich in die Berge zurück, bauten Ganja an und ließen sich als äußeres Symbol Dreadlocks wachsen. Heute sind die Rastafaris in Äthiopien eine oft verarmte Minderheit. Allerdings kommen Rastafaris aus aller Welt immer noch nach Äthiopien gepilgert. Übrigens hat die Reggae-Musik die Farbe Grün-Gelb-Rot aus dem äthiopischen Kaisertum entlehnt.

Nur durch wiederholtes Nachfragen fanden wir dann das Zion Train Lodge, das typisch äthiopische Rundhäuser an Touristen vermietete. Mubarek will für das Zentrum eine Solaranlage konzipieren. Wir unterhielten uns mit den Französisch sprechenden Familien, die dort schon lange lebten und besichtigten die verschiedenen Gebäude. Immer wieder wurden wir nach Ganja gefragt, dessen Besitz in Äthiopien allerdings verboten ist. Bevor die Fahrt nun weiterging, kauften wir noch typische Rastafarimützen, die wir in Berlin versteigern wollen. Klaus konnte sich eine ganze Zeit lang nicht mehr von seiner Mütze trennen.