lstethOstersonntag, 20. April 2014, Flug und Ankunft in Lalibela

Noch vor Tagesanbruch werden wir durch den Gesang der nächstgelegenen Kirchen geweckt. Überall tönt es aus den Lautsprechern: „Der Herr ist auferstanden". Alex fährt uns kurz nach vier Uhr zum Flughafen in Addis, der nicht weit von unserer Unterkunft liegt. Mehrere Maschinen fliegen nach Lalibelawpicon. Viele Menschen, die im Flughafengebäude warten, sie sind festlich gekleidet, bei den Frauen überwiegt die Farbe weiß.

Heben pünktlich in einer kleinen Propellermaschine ab. Im Steigflug geht es hinweg über die immer mehr wachsende Stadt, die ihre Vororte und Satellitensiedlungen wie Krakenarme hinein in die bergige und bewaldete Landschaft ausstreckt. Immer weiter geht es Richtung Norden. Unter uns gewaltig zerklüftete Bergflanken, bis auf kleine kümmerliche Reste ohne Wald. Nur in den Tälern mäandert ein schmales grünes Band, gibt es doch einmal eine Fläche auf einem Tafelberg, ist dieser dicht mit Feldern bedeckt. Bis zum Horizont erstrecken sich die Berge, immer wieder von tiefen Tälern, quer zur Flugrichtung unterbrochen.

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Einstieg ins Flugzeug Fahrt nach Lalibela Karges Land, grün nur da, wo es Wasser gibt

Bin schon ganz aufgeregt und freue mich auf die fast 1000 Jahre alten Felskirchenwpicon von Lalibela. Langsam verlieren wir wieder an Höhe, unter uns das rostbraune Land, erkennen die ersten Rundhäuser und Ochsen vor dem Pflug: Moderne Technik trifft auf Weltkulturerbe.

Nachdem wir den Platz vor dem Flughafengebäude betreten, steht dort schon unser Fahrer von Kompass-Tours. Zuerst gibt es kaum Grün am Straßenrand, nur hin und wieder Ziegen oder junge Männer, langsamen Schrittes, häufig schwere Säcke geschultert. Hin und wieder ein Frau mit einem Brennholzbündel auf dem Rücken. In Serpentinen führt die Straße immer tiefer in die Berge hinein. Viele kleine Steinmauern aus dunklem Gestein terrassieren die Landschaft, halten die braune Erde zurück. Nach einer halben Stunde erreichen wir das Lal-Hotel.

Zuvor war mir am Horizont, wie ein gewaltiger Turm, ein noch nicht verwitterter Vulkanschlot aufgefallen. Noch wusste ich nicht, dass genau dort oben geheimnisvolle Gänge, viele Nischen der manchmal eingemauerten Einsiedler und ein uraltes Kloster auf uns warteten. Mache mich mit Klaus gleich in unserm Zimmer breit.

Nach dem Mittagessen geht es dann zu einer geführten Tour zu den Felskirchen. Gleich neben dem Ticketbüro, die Eintrittspreise sind ziemlich happig, geht es einen schmalen Gang hinunter zur ersten Kirche der Nordgruppe. Sie wird durch ein gewaltiges futuristisches Dach, das mit EU-Mitteln finanziert wurde, vor den Niederschlägen und der Sonne geschützt.

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Schutzdach über einer Felsenkirche Fenster im axumitischen Stil Im Inneren einer Felsenkirche

Die Baustile der Felskirche stammen aus der axumitischen Zeit, übernehmen die noch aus Byzanz stammenden Kirchengrundrisse und sind die architektonischen Höhepunkte einer Jahrhunderte alten äthiopischen Bautradition, die bis ins achte Jahrhundert zurückgeht. Unglaublich, was menschlicher Glauben zu schaffen vermag, er bewegt ganze Berge.

So führt uns ein kundiger Mann immer tiefer in die Schluchten und künstlichen Felsspalten hinab bis ins Allerheiligste der großen Felskirchen, das immer hinter einem schweren Vorhang verborgen liegt und von einem Priester bewacht wird. Er bewahrt auch die vielen uralten eisernen und goldenen Kreuze auf, die er gegen ein kleines Trinkgeld vorzeigt. Wie Lichtfinger stechen die Strahlen der Sonne tief ins geheimnisvolle Dunkel der uralten Räume. Geheimnisvoll die vielen Malteser-Kreuze, die auch die Tempelritter als ihr Symbol übernahmen, und der Davidsstern, ein Zeichen für König Salomon und das Heilige Jerusalem, das ja im 12. Jahrhundert den Christen nicht zugänglich war.

Abends liefen wir links vom Hotel die Straße hinunter bis zu einem Restaurant, von dessen Terrasse aus wir einen Blick weit über die hohen Berge hatten. Waren immer wieder überrascht, wie viele Holländer, Franzosen, Belgier, Engländer und auch Amerikaner wir hier trafen, von denen einige regelmäßig wiederkommen, da sie unter den jungen Männern von Lalibela Patenkinder haben. Haben sehr gut gegessen und auch den guten Wein aus Ziway probiert, dabei viel über die Geschichte und Politik in Äthiopien diskutiert. Unser Begleiter erzählte lachend, dass viele junge Engländer ihr Essen nach Äthiopien mitbringen, weil sie Angst haben sonst zu verhungern.

lstethOstermontag, 21. April 2014, Die Felskirchen von Lalibela und die Klosterkirche Asheten Maryam

Sitze im Restaurant des Lal-Hotels und trinke meinen ersten Kaffee. Neben mir eine Gruppe Franzosen, die in Äthiopien nur Lalibela und einen Nationalpark besichtigen und danach gleich weiterfliegen, also Äthiopien nicht richtig kennengelernt haben. Sie beschweren sich lauthals über die braune Farbe des Teewassers. Wollen nach dem Frühstück zur zweiten, weiter östlich gelegenen Gruppe der Felskirchen aufbrechen.

Zuerst geht es einen schmalen Graben hinunter, bis wir auf einer steinüberwölbten Galerie stehen, durch deren Durchbrüche wir auf eine gegenüberliegende Fassade und einen davor befindlichen Absatz blicken. Über eine uralte Holzbrücke gelangen wir hinüber, zwanzig Meter unter uns befinden sich zwei mit Stufen versehene ebenfalls aus den Felsen gestemmte große Taufbecken. Die etwa 30 Meter breite Fassade hat sieben Nischen, mit orientalischen Bögen verziert. Angeblich soll das dahinter befindliche Felsmassiv hohl sein und sich in der darin verborgenen Kirche, die bis heute nicht gefunden wurde, viele Schätze befinden, einstmals in kriegerischen Zeiten dort versteckt. Der zentrale Raum hat zwei Pfeiler, einer dem Erzengel Gabriel geweiht, der andere Raphael.

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Überall führen Wege in die Tiefe Kirchentür Überall Durchgänge

Über einen dunklen Gang, durch den wir uns blind hindurchtasten und der „die Hölle" heißt, gelangen wir zur Bete Marqorewos (Mercurioskirche), die dem Heiligen Mercurios geweiht ist, der den vom Christentum abgefallenen römischen Kaiser Julian Apostata mit einer Lanze durchbohrt, was auf einem Gemälde auch sehr realistisch dargestellt ist. Ein anderes Bild aus dem 15. Jahrhundert zeigt den Leidensweg Christi. Wir erfahren, dass in den Klöstern und Kirchen Lalibelas noch über 2000, teils sehr alte Bücher existieren.

Nachdem wir einen sehr langen und hohen Gang durchquert hatten, stehen wir vor der semimonolithischen Kirche Bete Abba Libanos, d. h. sie ist nicht ganz aus dem Felsen gelöst. Sie weist Pilaster und schöne axumitische Fenster auf, in einem davon sitzt ein weißer Falke. Wir gehen durch einen breiten Gang um die Kirche herum. In den Felswänden befinden sich viele Nischen, kleine Höhlen und Schächte, in denen die Mönche nachts schlafen. Aus der Kirche dringen Trommelschläge, die eine sakrale Handlung begleiten.

Neben der Tür des Kirchengebäudes steht ein krummes Stück Holz, dessen obere Seite von der häufigen Benützung richtig glänzt. Es dient sicherlich seinem Besitzer als Stütze im Gottesdienst, der für die Priester vor den großen kirchlichen Festen bis zu drei Tagen dauern kann. In der Kirche sind die Deckenbalken alle aus Stein, imitieren jedoch Holz. Die Kirche soll der Legende nach mit Hilfe von Engeln in einem Tag errichtet worden sein. Im Inneren fällt vor allem ein Gemälde des Heiligen Libanos auf, dem zu Füßen ganz niedlich dreinblickende Löwen und Panther sitzen, sein weißer Bart reicht bis auf den Boden. Aber nicht nur der Bart ist ein Zeichen für die immer noch 12000 Männer umfassende Schar der Eremiten, sondern auch die langen zusammengedrehten Haare, die Rastas.

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Kirchentrommeln Telefonierender Mönch Vorratsbehälter
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Mubarek vor der Kirche St. Georg

Die ganze Kirche aus einem großen
Steinblock gearbeitet
Der Heilige Georg

An einem kleinen Friedhof verlassen wir das kleine Bergmassiv. Vor dem Friedhof zieht ein langer Trauerzug ins Tal. Wir gehen an mehreren Verkaufsständen und steinernen Rundhäusern vorbei. Ich kaufe bei einem Mädchen einen alten, mit Deckel zu verschließenden Transportbehälter aus Ziegenleder, für Amelie kupferne Ohrringe. Verschiedentlich werden uns auch alte Theresientaler angeboten, ein früher beliebtes Zahlungsmittel in Äthiopien. Schade, dass wir nicht die großen, tönernen Kochtöpfe und Vorratsbehälter kaufen können.

Das leckere Mittagessen nehmen wir im Garten des Lal ein. Nach dem Mittagessen fahren wir mit unserem Guide weit hinauf bis kurz unter den Gipfel des schon bei der Anfahrt weithin zu sehenden ehemaligen Vulkanschlots. Zu Fuß geht es dann unter einem weit überstehenden Felsen den Berg hinauf. Beim Einatmen merke ich sofort, dass wir auf beinahe 3000 Meter Höhe sind. Noch unterhalb des Berggipfels sind viele Nischen in den Fels gehauen, jeweils mit einer Tür verschlossen oder bis auf ein kleines Loch zugemauert: die Wohnstätten der Eremiten.

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Einsiedelei Felsgang zum Kloster Jahrhunderte alter Psalter

Nach einer weiteren Kehre stehen wir plötzlich vor einer hoch aufragenden Felswand, in der ein mannsgroßes Loch gähnt. Wie in einer Szene aus „Der Herr der Ringe" windet sich eine steil ansteigende Steintreppe durch den gewachsenen Felsen und verschwindet im Dunkel. Schwer atmend steige ich Stufe um Stufe empor und gelange am Ende ins Licht. Vor uns erhebt sich die mit Stangen eingerüstete alte Kirche, die wir durch ein niedriges Tor betreten. Der Leiter unserer Führung erzählt, dass schon sein Großvater und Urgroßvater Abt des Klosters gewesen sei. So zeigte uns ein Mönch bis zu 800 Jahre alte Bücher, die aus zusammengebundenen Holztafeln bestehen, auf die wunderschöne Bilder gemalt sind oder altertümliche Psalter. Auch zeigt uns der Priester Eisenkreuze aus dem 13. Jahrhundert, die er in einer sehr alten Truhe aufbewahrt.

Vom Kloster aus steigen wir auf einen Felsrücken, aus dem kreuz und quer kleine Gräben gehauen waren, die Wasser zu tieferen Becken leiten. Von hier oben aus haben wir einen fantastischen Blick in alle Richtungen. Auf der westlichen Seite blicken wir auf ein schmales grünes Tal, durch das sich glitzernd ein Fluss schlängelt. Unser Guide erzählte, dass es jetzt schon einen kalten Krieg zwischen Äthiopien und Ägypten um das lebensspendende Wasser des Nils gebe.

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Blick ins Tal Klaus und Jana on the top Felder mit Eukalyptushain

Wieder unten an unserem Auto angekommen, laufen wir durch einen kleinen Eukalyptuswald, zwischen gepflügten Feldern hindurch zu einer kleinen Schule, deren Gelände von einer Natursteinmauer umfriedet ist. Mehrere Kinder begleiteten uns dabei, von denen viele husteten, Hautausschläge und verklebte Augen haben.

Der Aufseher der Schule, am Sonntag war die Schule ja geschlossen, führt uns auf das Gelände. Er erzählt uns, dass dies eine Schule für 160 Kinder und vier Lehrer ist. Das Klassenzimmer war eine kleine Wellblechhütte und überall auf dem Gelände klapperten im Wind Bleche. Da die Bevölkerung Harar waren, die Bevölkerungsgruppe, aus der Haile Selassie kam, wurde sie von der Regierung benachteiligt und erhielt sehr wenig Unterstützung. Wir beschlossen, für das Schulkomitee 1000 Birr, etwa 40 €, zu spenden.

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Dungfladen als Brennstoff Schulgebäude Auf dem Rückweg zum Auto

Auf der Schotterpiste hinab ins Tal bleiben wir in einer Wegrinne stecken und versuchen, erst mit Hilfe eines Wagenhebers, später durch gemeinsames Anheben des Fahrzeugs, dieses wieder flott zu bekommen.

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Mit vereinten Kräften

Olivenbäume: in Äthiopien schon seit
Jahrtausenden heimisch
Ein letzter Blick zurück auf den Klosterberg

Heute Abend werden wir hier im Hotel essen. Wir waren überrascht, wie viele Reiseunternehmen aus aller Herren Länder das Hochland von Abessinien ansteuern. Wobei die Touristen nur im Hotel sind und sicherlich nicht viel von Land und Leuten mitbekommen. Andererseits konnten wir auch Europäer sehen, die sich seit langer Zeit um durch Zufall kennengelernte junge Menschen kümmern, d. h. ein Studium finanzieren und sie auch regelmäßig besuchen. Dies zeigt sich auch darin, dass wir immer wieder von Schülern angesprochen werden, die versuchen, Freundschaften zu stiften oder e-Mail-Adressen zu tauschen.

Äthiopien ist ein faszinierendes Land mit sehr freundlichen, angenehmen und gebildeten Menschen. Wir wurden oft auch von Kindern auf Englisch angesprochen. Denke, dass Äthiopien eine gute Zukunft haben kann, wenn es gelingt, demokratische Strukturen zu schaffen, ohne dass eine Abhängigkeit von internationalen Konzernen entsteht.

Am Abend haben wir noch zusammen im Lal-Hotel gegessen und dabei ein paar St.-Georgs-Biere getrunken. Danach kam die Abrechnung: 160 € für die ganze Zeit und die Eintritte.