Montag, 29. März 2010

Einmessen des Schulgrundstücks in Bassossa (2. Tag),
Besichtigung einer Chefferie, Abschiedsfest im Haus des Häuptlings von Bassossa

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Victor hält die 8 m hohe Fluchtstange Hat Klaus richtig gerechnet?

Schon früh fährt Blaise Klaus und mich zum Schulgrundstück. Es wird wieder ein sehr heißer und staubiger Tag. Mit der zunehmenden Temperatur beginnt auch der Wind immer mehr der roten Erde in die Luft zu blasen. Klaus beharrt auf weiteren Kontrollmessungen, ein Fehler darf uns nicht unterlaufen. Der Teil des Grundstücks zur Straße wird in viele Dreiecke eingeteilt, so dass später der geschwungene Straßenverlauf planerisch zu rekonstruieren ist. Ganz zum Schluss messen wir die zu Beginn der Messung gelegenen Höhenpunkte nochmals mit ein. Wieder sind wir erst am späten Nachmittag fertig.

Während der beiden Tage des Einmessens schauen wir auf eine fantastische Feldformation, etwa 300 Meter vom Schulgrundstück entfernt. Neben relativ ebenen, großen Felsplateaus, die wie weiß bemalt wirken (später stellten wir fest, dass es zerstoßene Maniok-Wurzeln sind, die so zum Trocknen ausgelegt werden), sind gewaltige, wie von Riesen übereinander geworfene, runde Vulkanfelsen aufgetürmt, die oft nur auf einer sehr kleinen Fläche aufliegen. In der Fantasie vermeine ich dahinter jederzeit Elefanten zum Vorschein kommen zu sehen.

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Felsformation gegenüber Schulgelände Opferplatz für die Ahnen Unten im Tal: Wohnsitz eines Notablen

Später erfahren wir, dass die ganze Gegend noch zu Emmanuels Kindheit von Affen bevölkert war, die wir allerdings nicht zu Gesicht bekamen. Später, auf dem Abschiedsfest in Duala, sollten die Mitglieder der dortigen Bassossa-Communauté diese Felsformation auf ihren farbenfroher Gewändern als Zeichnung tragen, darunter stand NK WOUN´NE PESSO.

Nach dem Ende des Vermessens schulterten wir unsere Vermessungsgeräte und liefen den Fußweg zu den Felsen hinüber. Beim Näherkommen huschten zahlreiche, wie Smaragde schimmernde, armlange Eidechsen über die Felsen. Nach einem kurzen Anstieg standen wir vor einem kleinen Hohlweg, der um den größten Felsen herumzuführen schien.

Der Vulkanfelsen vor uns war im unteren Bereich an vielen Stellen rußgeschwärzt. Jean erzählte mir, dass hier häufig den Ahnen geopfert wird. Da erst sah ich die zahlreichen Ton- und Metallgefäße, die mit schönen Zickzackmustern verziert waren. Auch oben auf dem Felsen war jede Spalte, in der sich Erde gesammelt hatte, mit Feldfrüchten bepflanzt. Nachdem wir den Felsen umrundet hatten, standen wir vor einem großen Spalt, der allerdings völlig mit Erde zugeschwemmt war. Jean erzählte weiter, dass die Bewohner von Bassossa hier in Kriegszeiten Zuflucht fanden, die Höhle unter den Felsen fasse mehr als 500 Menschen. Seltsam war für mich das Gefühl einer unerklärlichen Aura, die die Felsen umgab. Sicherlich fanden sich hier schon vor Tausenden von Jahren immer wieder Menschen ein, um an diesem herausragenden Naturdenkmal zu opfern oder hierher zu flüchten.

Außer ethnologischen Untersuchungen und dem Festhalten der Traditionen, die ja immer nur mündlich tradiert wurden, wäre sicherlich auch eine archäologische Untersuchung interessant. Will mich sowieso vor einer nächsten Reise nach Bassossa im Völkerkundemuseum in Dahlem informieren, was es bisher an Forschungsergebnissen über das Volk der Bamiléké gibt.

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Bambuswald

Wir querten ein trockenes Flussbett, in dem es aber auf Grund eines gewaltigen Bambuswalds angenehm kühl war. Sicher wäre es sinnvoll, hier einen Brunnen zu bohren und das Wasser in einem großen, geschlossenen Behälter zu sammeln. Wir stellten auch fest, dass die Halme des afrikanischen Bambus nicht hohl, sondern mit Mark gefüllt waren. Viktor sagte uns, der asiatische, hohle Bambus wachse in Afrika nicht. Nachdem wir längere Zeit durch bis zum Straßenrand unter Mischkultur stehende Felder gelaufen waren, auch vorbei an Pappa Kollas Häusern, ebenfalls mit vielen Aluminiumpyramiden als Dächern, erreichten wir den Festplatz des Dorfes. Schön waren unterwegs zahlreiche Bambuszäune, hinter denen immer wieder mal ein schwarzes Schwein grunzte. Einmal fielen uns Hühner in einem Gehege auf, die am Hals quer zur Laufrichtung ein Stöckchen angebunden hatten, damit sie nicht durch die Lücken im Bambuszaun schlüpfen können.

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Auf dem Weg zur Chefferie

Jean lud uns noch in die Chefferie seines Großvaters ein. Wir bogen in einen schmalen Weg ab. Neben uns lagen gefällte Eukalyptusbäume, aus denen mit einer Säge Bohlen und Balken herausgeschnitten waren, deren Stammdurchmesser aber bis zu einem Meter betrug. Da die Frauen die Sägespäne anzündeten, um mit der Asche die Felder zu düngen, tauchten immer wieder Bäume und Sträucher aus den Rauchschwaden auf. Darin, wie in einer uns fremden Choreographie, Arme und Köpfe der auf dem Feld arbeitenden Frauen, hin und wieder von Gesang oder Kinderlachen begleitet. Am Ende des Feldes angelangt standen wir vor einem großen Geviert von mit Pyramiden gedeckten Häusern. Durch das weit geöffnete Tor, das mit seinen dicken Stangen schon etwas windschief in den Angeln hing, betraten wir einen großen Platz, der links und rechts von den Frauenhäusern begrenzt war. An den Wänden der Häuser lehnten unzählige Äste, die dort unter dem Dachüberstand trockneten. Außer den Türen, neben denen häufig ein Stuhl oder eine Bank aus Bambusstangen stand, wiesen die Häuser nur kleine Fensteröffnungen auf, die mit einem Holzladen verschlossen werden konnten. Schon öfter war mir aufgefallen, dass auf den Fensterlaibungen mit Kreide etwas geschrieben stand. Auch hier konnte ich entziffern: „Dieu aime tous le monde, Jésus Christ est le Sauveur“ (Gott liebt alle Menschen, Jesus Christus ist der Retter).

Uns gegenüber befand sich eine hohe Wand aus luftgetrockneten Ziegeln, links und rechts mit einem Eckhaus, das jeweils eine Tür aufwies. In der Mitte der Wand befand sich, leicht vorgesetzt, ein Torhaus mit zwei hohen, spitzen Pyramiden, auf deren Spitze wie eine Wetterfahne ein Löwe prangte, das Symbol für Kraft und Macht.

Die Wände des Torhauses waren mit senkrechten, auf Querhölzern befestigten Bambusstangen verziert, die allerdings ebenfalls schon etwas windschief wirkten. In der Mitte gähnte die Türöffnung, durch die uns Jean nun hereinbat und bei deren Durchschreiten wir die Köpfe beugen mussten. Im Torraum lehnten links und rechts in den Ecken alte, schön beschnitzte Zeremonial-Trommeln, deren Bespannung noch in Ordnung war und die auf schön geschnitzten Füßen standen. Wir betraten einen zweiten Hof und erblickten ein großes, alles überragendes Gebäude, mit weiteren großen Nebengebäuden innerhalb der Mauereinfassung.

Die Wände bestanden aus senkrechten Bambusstangen. Das gewaltige, weit ausladende Dach wurde außerhalb der Gebäudewände durch dicke Holzstämme gestützt, die sowohl oben einen großen Stützstein aufwiesen, als auch unten auf einem Felsstein standen. Am meisten beeindruckten uns jedoch die Türeinfassungen.

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Tür zum Häuptlingshaus Mann mit Grabstock Löwenjagd

Die Türlaibungen und die Schwelle bestanden aus vier massiven Balken, der untere und der obere eine Balkenbreite länger als die senkrechten. Diese Balken waren über und über mit Motiven aus dem mythologischen Leben der Bamiléké beschnitzt. Ich vermeinte mich im Dahlemer Völkerkundemuseum zu befinden, nur erschloss sich hier erst wirklich das Majestätische dieser Kultur. Ich war schlicht und einfach überwältigt und wusste gar nicht, was ich zuerst tun sollte: Jean nach den Motiven zu fragen oder zu fotografieren… Einen Moment später ergriff mich das Entsetzen, bei dem Gedanken, dass diese Relikte einer uns ebenbürtigen Kunst in zwanzig Jahren vielleicht ganz verschwunden sein werden. Wie schon gesagt, muss mich, zurück in Berlin, unbedingt mit Mitarbeitern des Völkerkundemuseums unterhalten, welche Schutzmaßnahmen, Forschungsabkommen im Hinblick auf die reiche Kultur der Bamiléké existieren.

Aus dem über hundert Jahre alten Holz sprangen mir förmlich die Krieger, Jäger, arbeitenden Männer und unzählige Tiere entgegen. Hier trägt ein Mann einen Grabstock und eine Keule, auf der Schulter schwere Lasten, im Hintergrund große Trommeln. Auf einer großen Holztafel über dem Türstock prangt eine Jagdszene. Mehrere, mit Gewehren bewaffnete Männer kämpfen in vollem Lauf mit zwei Löwen. Ein Jäger hält schon das Bein eines Löwen fest, ein anderer liegt unter dem Löwen auf dem Boden. Das geschnitzte Wellenmuster der Löwenmähne und der Lendenschurz der Männer tauchen als Wellenlinie auf der Umrandung der Jagdszene auf. Eine weitere geschnitzte Szene zeigt einen Mann, der einen Stein auf einem Mahlstein hin- und herrollt. Er sitzt auf einem ebenfalls schön gearbeiteten Hocker, neben sich große geflochtene und getöpferte Gefäße.

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Türstock des Häuptlingshauses

Auf dem Türsturz sind links, rechts und in der Mitte über der Tür große, plastische Köpfe reliefartig aus dem Holz gearbeitet, jeweils daneben ein schreitender Krieger und ein nachdenklich sitzender Mann, wieder in der Motivreihe von zwei großen verzierten Vorratsbehältern unterbrochen. Am unteren Ende der senkrechten Balken steht jeweils ein Krieger, mit einer Wasserflasche, über der Schulter hängend, in jeder Hand zwei Speere mit Eisenspitzen, wie wir sie schon beim Wächter des Häuptlings gesehen hatten.

Jean zeigt uns im Haus seines Großvaters stolz eine alte englische Häckselmaschine mit einem Herstellungsdatum von 1902. Auf der Türschwelle grinst uns ein breites Gesicht an, links und recht von Motivschuppen, wie auf dem Lendenschurz, eingerahmt.

Im Innern des Gebäudes herrschte ein geheimnisvolles Dämmerlicht, da die Wände aus drei verschiedenen Lagen von Bambusstangen bestehen. Auf dem gestampften Lehmboden lagen früher sicherlich die in den Ecken zusammengerollt stehenden, wunderschön geflochtenen Matten.

Auch die Türstöcke der Räume im Haus sind über und über beschnitzt. Mir springt besonders eine Szene ins Auge, auf der ein Mann mit einem großen Dolch in der Hand von einem grimmig dreinschauenden Elefanten attackiert wird, der bereits den Rüssel um den Hals des Jägers geschlungen hat.

Am Häuptlingshaus vorbei kommen wir in einen zweiten Hof mit einer leicht erhöhten, großen, gemauerten Terrasse. Jean erzählt, dass dort sein Großvater Gäste empfangen hat, die auf der Terrasse Café tranken.

Jean meinte zu uns, dass diese Gebäude und Höfe nur von besonders in der Tradition stehenden Menschen betreten werden dürfen. Vieles machte allerdings einen heruntergekommenen Eindruck. Jean meinte, er habe einfach nicht das Geld, um dies alles zu unterhalten.

Klaus fiel natürlich gleich eine große, betonierte Zisterne auf (2 m x 2,50 m x 8 m), die allerdings nach oben offen war und von der Jean sagte, dass diese sein Großvater um die Jahrhundertwende hätte errichten lassen.

Durch eine weitere Tür gelangt man in den Frauenbereich mit im Hintergrund sichtbaren Gärten, den wir allerdings nicht betreten durften.

Während wir uns noch unterhielten, kam ein Mann durch die Tür, der Jean und uns begrüßte und den Jean als tollen Künstler vorstellte, von dem unsere „Affenköpfe“ und die schöne, geschnitzte Holzmaske, ein Geschenk des Dorfes an unsere Schule, hergestellt worden waren. Er nannte sich „Cactus Richard“, den Namen und seine Telefonnummer hatte er in seine Schnitzereien eingraviert. Besonders in Erinnerung blieben mir im Hof mit der Terrasse zwei große Ziertabakpflanzen, die in voller Blüte standen und deren Schattenbilder sich auf der hell verputzten Wand abbildeten. Über die von den Deutschen gebaute Straße liefen wir zurück zu Emmanuels Haus.

Gegen Abend holte uns Blaise mit dem Auto ab und fuhr uns zur Chefferie des Häuptlings von Bassossa. Auf dem Hof hatten sich schon viele Dorfbewohner eingefunden, aus allen Türen schauten neugierig die Kinder des Häuptlings. Zuerst gab es ein langes Palaver, wir hatten uns bis auf den ständigen Durst ja an die zeitlichen Abläufe gewöhnt.

Bevor es nun ganz Nacht wurde, mussten wir uns zu einem Gruppenbild vor einem der Frauenhäuser aufstellen, dessen Lehmwände über und über mit weißen Handabdrücken verziert waren. Um uns drängten sich wieder viele Frauen und Kinder, die mit aufs Bild wollten. Irgendwann bat uns einer der Diener des Häuptlings ins Haus. Dort wurden wir in das Wohnzimmer des Häuptlings geleitet, wo auf einem etwas erhöhten Bodenteil eine schwere, uns altmodisch erscheinende Couchgarnitur mit blauem Rautenmuster stand. An der Wand dahinter ein Gemälde mit bedrohlichem Himmel und einem steilen Vulkankegel in der Bildmitte. In der Ecke stand eine etwa ein Meter hohe Kriegerfigur aus Ebenholz. In der Mitte des Raumes befand sich ein perlenbesticktes Tischchen mit einer ebenso verzierten Vase, ähnlich dem Thron im Völkerkundemuseum, das vom Sultan von Foumban seinerzeit als Geschenk für den deutschen Kaiser nach Berlin gelangte.

Wir dürfen uns auf Stühlen, die entlang der Wand aufgestellt sind, niederlassen. Als Seine Majestät Tchinda III. angekündigt wird, müssen wir alle aufstehen.

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Das Empfangskomitee, vor allem Kinder Aufnahmezeremonie mit dem Häuptling Die Frauen von Bassossa vor der Chefferie

Schnell füllt sich der Raum mit Männern. Nacheinander werden wir gebeten, in der Reihenfolge unseres Alters vorzutreten und uns auf einem Hocker niederzulassen. Dort kleiden uns nun zwei Männer des Häuptlings mit einem schönen, blau-gelben Überwurf ein. Über den Kopf bekommen wir eine weiße, gehäkelte Mütze gezogen, von der links und rechts lange Bänder mit einer roten Spitze hängen. Harald muss noch öfters über mich lachen, sähe ich doch aus wie „der Monarch von Konstantinopel“. Der Häuptling und die Gemeinde von Bassossa waren auf die Idee gekommen, uns zu integrieren, indem sie uns zu Notabeln des Stammes machten. Mit der Einkleidung ging auch eine Namensverleihung einher. So wurde Harald Sterzenbach zu „Waffo Sangoun“ (der mit seiner Weisheit für den Frieden im Dorf sorgt), ich bekam den Namen „So Sangoun“ (der hart arbeitet), Klaus Pellmann den Namen „Bügoun“ (der Baumeister, der die schwere Dachkonstruktion beim Bau eines neuen Hauses, darunter stehend, zum Aufsetzen auf die Mauern dirigiert) und Michael Schäfer „Sadeú“ (der Helfer/Diener).

Danach mussten wir uns mit dem Häuptling und den anderen Männern wieder zum Fotografieren aufstellen. Weiter ging es in den großen Festsaal der Chefferie, wo wir der Dorfbevölkerung unter deren Beifall nochmals vom Häuptling vorgestellt wurden. Alle wollten danach unsere Hände schütteln und mit uns auf ein Foto. „Cactus Richard“ überreichte uns eine schöne, geschnitzte Holzmaske für unsere Schule. Viele Frauen gaben uns Erdnüsse und Bohnen zum Geschenk, die wir allerdings schon aus Gewichtsgründen, aber auch wegen des strengen französischen Zolls, nicht nach Berlin mitnehmen konnten. Auch hier im Raum fiel mir sofort der schöne Häuptlingsthron auf, mit gedrungenen Geparden als Armlehnen, gedrehten Füßen und reich beschnitzter Sitzfläche und Rückenlehne, deren Motive wir wegen des dämmrigen Lichts aber nicht erkennen konnten. Besonders schön auch eine große Ebenholzgruppe: Auf einem Hocker, mit einem Antilopenkopf als Bein, steht eine Figur, ihre Arme von einem hinter ihr stehenden großen Mann nach oben gehalten. Diese hinten stehende Figur mit auffallend großem Mund trägt ebenfalls eine gehäkelte Mütze, so, wie wir eine erhalten haben.

 

Dienstag, 30. März 2010

Auf dem Gare Routière in Bafoussam. Halsbrecherische Fahrt von Bafoussam nach Jaunde im Minibus, Reflexionen über das Reisen.

Am Morgen waren wir schon früh auf den Beinen. Meine Nase war ziemlich zu und ich musste schon nachts ständig husten. Bin froh, dass das Einmessen, verbunden mit dem vielen roten Staub, nun vorüber ist. Neben mir packt Harald unsere Aluminiumkiste, die ja für weitere Arbeitseinsätze in Bassossa bleiben soll, zusammen mit unseren fünf Klappliegen im Haus von Emmanuel. Er verteilt verschiedene Werkzeuge an Aimé und unsere Helfer als ein kleines Dankeschön für ihre Unterstützung. Melanie, die Schwester von Emmanuel, bekommt ebenfalls einige von uns nicht mehr benötigte Dinge zum Geschenk, für den Häuptling haben wir ein solarbetriebenes Radio, der Rektor der Schule erhält die Fußballpumpe und einige mitgebrachte Hefte nebst Schreibutensilien.

Sitze jetzt gegen Mittag zusammen mit Klaus im Gare Routière von Bafoussam. Auf der Fahrt hierher hatte uns Emmanuel noch das von ihm geplante, mehrstöckige Haus eines Tischlers gezeigt. In einer Wolke von Holzstaub, fast alle Fotos sind wegen des dichten Staubs nichts geworden, standen große italienische Kreissägen, Abrichten, Dickenhobel etc. Der Chef des Hauses erzählte uns, dass er viele Schüler aus dem Technischen Lycée hier beschäftigt, damit sie ihre Theorie in der Praxis erproben können, gibt es doch in den schulischen Ausbildungen in Kamerun keinerlei fachpraktischen Anteile. Und so waren auch mindestens 10 bis 15 junge Männer am Arbeiten. Die Möbelprodukte konnten sich durchaus sehen lassen. Malerisch wirkten auch die zahlreichen Schablonen für Schränke, Betten und Stühle, die reichlich verstaubt überall an den Wänden hingen. Einer der Mitarbeiter zeigte uns später die große Wohnung des Chefs, in der überall schöne Intarsien als Wandverkleidungen und Bodenbeläge auffielen. Wir sahen auch hier in manchen Ecken kleine Holzfiguren in Puppengröße, die teilweise mit Nägeln durchbohrt waren – Eisen ein Symbol für Macht.

Was später zum Streit führte, war die lange Wartezeit für Harald und Michael, die sich keinen Reim darauf machen konnten, dass Emmanuel sie erst viele Stunden später als vereinbart abholte. Ursprünglich waren wir davon ausgegangen, schon vormittags mit einem Minibus nach Jaunde (frz. Yaoundé, Kameruns Hauptstadt) zu fahren. So wurde eine Nachtfahrt daraus, was uns wieder eine heftige Diskussion bescherte über unsere Afrikatauglichkeit, bzw. die total unterschiedlichen Zeitbegriffe und Zeitvorstellungen. Ich regte mich zu diesem Zeitpunkt noch wenig darüber auf, fiel auf dem Busbahnhof in Bafoussam einfach in einen Zustand der Zeitstarre, d. h. Stunde um Stunde zieht an mir vorüber. Dabei verschwimmt der Blick auf die Innen- und Außenwelt ineinander, und die Traumebene vermischt sich mit den Rufen der Essensverkäufer, dem Stimmengewirr an den Fahrkartenschaltern und dem Plärren eines vollständig übersteuerten Fernsehlautsprechers an der Wand des Fahrkartenverkaufsbüros, mit seinen englisch untertitelten Reiseberichten aus Israel, Japan und China, was hier in dieser uns fremden Umgebung noch befremdlicher wirkt.

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Fliegende Händlerinnen Ein Bus wird beladen Noch sind wir nur wenige Passagiere

Sitze jetzt mit Klaus schon mehr als drei Stunden auf den hölzernen Bänken der Wartehalle; um uns, hoch aufgetürmt, unsere zahlreichen Taschen und Koffer. Vorhin saßen zwei Jungs hinter mir. Habe ihnen die Tüte zerbrochener, roher Eier aus meinem triefenden Rucksack geschenkt, die uns als vermeintlich gekocht von einer Frau aus Bassossa mitgegeben wurden, und mit denen die Jungs überglücklich davonliefen. Um uns unzählige Menschen, vor mir ein über uns Weiße staunendes Kind mit toll geflochtenen, perlenverzierten, kleinen Zöpfen. Vor der Aufenthaltshalle ein Hin und Her kleiner und großer Busse. Dazwischen wogte eine fast unüberschaubare Menschenmenge, die sich, um die Busse zusammenballend, dann wieder auseinanderfließend, ein sich ständig änderndes afrikanisches Muster bildete. Wie die schäumenden Spitzen großer Wellen hoben und schoben unzählige Arme ein Konglomerat aus bunten Säcken, zusammengeschnürten Taschen, zerkratzten Koffern, Tischen mit und ohne Beinen, schön verzierten Haustüren, gelben Bananenstauden, Fahrrädern, in geflochtenen Bastkörben steckenden Hühnern oder Schweinen, chinesischen Motorrädern, Bündeln von Brennholz, Ziegen oder Schafen auf die Dächer der kleinen und großen Fahrzeuge, wo sie zu aberwitzigen, kreuz und quer verknoteten Kunstwerken erstarrten.

Unsere Abreise sollte allerdings noch lange nicht erfolgen. Irgendwann drangen die Stimmen von Blaise, Michael und Harald bis in die Tiefe meines Schlafs vor: „Los, auf, der Bus nach Jaunde ist da.“ Mit der Hoffnung, dass es jetzt los geht, stürmten wir Richtung Bus, Blaise sollte sich um unser Gepäck kümmern. Schon wieder waren wir in unser europäisches Bewegungsmuster zurückgefallen, was hier vollständig fehl am Platz war. Zuerst galt es einmal, die wild unter den Sitzen herumrennenden Hühner einer angekommenen Frau einzufangen. Wir besetzen sofort mehrere Sitzbänke, da außer uns fünf auch eine Schwester von Emmanuel und Blaise mit nach Jaunde kommen sollte. Mir war unerklärlich, wie die Arbeiter des Gare Routière bei der Menge des Gepäcks wissen, was auf welchen Bus gehört. Als spiegelte sich unsere lange Wartezeit auf den Holzbänken der Busstation in den verstaubten Schiebefenstern des Busses, erstarrte auch im Bus die Zeit. Wir wussten einfach nichts über unsere bevorstehende Busfahrt. In irgendeinem Reiseführer stand, dass es Minibusse mit 14 – 18 Plätzen gibt, oder den Saviem mit 27 Plätzen. Was wir nicht wussten, war, dass alle Fahrzeuge immer mehr Plätze als Sitze haben und in der Regel hoffnungslos überbesetzt werden. Gute Plätze kosten etwas mehr, man kann auch für mehrere Plätze bezahlen, hat aber keine Gewissheit, ob das auch funktioniert. Es kann viele Stunden dauern und Nerven kosten, bis auch der letzte Passagier auf seinem Platz sitzt.

Das Schauspiel konnte beginnen.

In den ersten Stunden begann sich der Bus so nach und nach zu füllen, jeder neue Mitfahrer löste ein Hallo aus, „ich bleibe da sitzen, die schöne Frau nach hinten, ich muss wieder nach draußen, habe dies und jenes vergessen…“ etc. All diese Äußerungen wurden mal von mehr, dann wieder von weniger der Mitfahrer kommentiert, mit Witzen garniert, mit Fragen nach der Herkunft, des Reiseziels, wie viele Kinder, manchmal fing jemand an zu singen oder zu schimpfen, die Geräuschkulisse schwoll an und ebbte wieder ab, wir waren in einem wogenden Menschenfeld gestrandet.

Als wir dachten, der Bus wäre nun total gefüllt, kam der Busfahrer und erklärte, dass zwischen die dicht sitzenden Menschen noch weitere Passagiere passen. Nach großem Hin und Her entschloss sich ein junger Mann vor uns, für seine Frau, die auf einem Klappsitz neben Harald saß, zwei Fahrscheine zu bezahlen. So konnten Klaus, Harald und ich, mit der Frau auf dem im Durchgang befindlichen Klappsitz, nur zu viert in einer Reihe sitzen.

Hin und wieder stieg auch ein Wunderheiler zwischen die Passagiere, der seine Gesundheitswässerchen, ganz sicher wirkenden Tabletten und Pastillen, Pflaster und Tinkturen lauthals anbot und so tat, als wären wir ohne seine Hilfe dem sicheren Tod geweiht.

Nach weiteren Stunden, wir hatten den Gedanken schon aufgegeben, irgendwann einmal nach Jaunde zu gelangen, waren die acht Sitzreihen mit über 40 Passagieren gefüllt und die halsbrecherische Fahrt durch die afrikanische Nacht konnte beginnen.

Am sternenklaren Himmel stand groß der weiße Mond und beschien mit seinem Licht den nächtlichen Traum eines noch unberührten tropischen Waldes. Wie ein breites schwarzes Band zog sich in vielen Kurven die gut ausgebaute Straße durch das Land. In jeder Kurve fiel mir mein lange zurückliegender Physikunterricht ein, und ich begann im Kopf die Kräfte zu berechnen, die bei einer nach oben wandernden Schwerpunktverlagerung des Busses beim quietschenden und nach Gummi stinkenden Durchfahren der Kurven entstehen, da über uns ja beinahe zwei Meter hoch ein gewaltiger Gepäckberg in die Nacht ragte. Einige Male musste der Bus an einer Mautstelle anhalten, bezahlen, damit die gespickten Nageleisen an einer Kette zur Seite gezogen werden, ein anderes Mal hielten wir kurz an einer Polizeikontrolle. Sobald wir zum Halten kamen, tauchten wie aus dem Nichts zahlreiche Händler mit Bananen, Maniok, Fisch, Fleisch, Brochettes, Möhren, Wasser und Brot auf, die sie uns vor die Fenster hielten. Gegen Mitternacht erreichten wir dann die beleuchteten Straßen von Jaunde, sahen oben am Berg den angestrahlten Regierungssitz des Präsidenten vorüberziehen, am Straßenrand unzählige Menschen vor den erleuchteten Lokalen sitzen und hörten durch die aufgeschobenen Busfenster den Atem der Stadt. Kurz darauf fuhren wir in den Busbahnhof ein. Nach dem Abladen des Gepäcks und dem Verstauen im Bus fuhr uns der Busfahrer direkt vor unser Hotel „Le Fibi, situé a Emombo“. Schon vorher hatte uns Blaise zu verstehen gegeben, wir müssten noch vor dem Hotel unsere vom Häuptling verliehene Kleidung anlegen.

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Empfang um Mitternacht Blaises Frau hat für uns gekocht

Kaum waren wir aus dem Bus gestiegen, begannen zahlreiche vor dem Hotel befindliche, bunt gekleidete Frauen und Männer zu trommeln und zu singen und in einen uns einschließenden Tanz zu fallen. Die Mitglieder der Bassossa-Communauté in Jaunde hatten schon seit dem Mittag vor dem Hotel auf uns gewartet. Drinnen im Hotel hatte die Frau von Blaise für uns Reis, Fisch und Kochbananen zubereitet. Danach saßen wir noch bis um 1:30 Uhr bei einem Estrel-Bier zusammen und sanken total müde ins Bett, froh, dass es hier in Jaunde auf Grund seiner höheren Lage nachts etwas kühler wurde.

Beim Einschlafen ging mir nochmals durch den Kopf, ob in Afrika aufgrund der sehr unterschiedlichen Wahrnehmung, vor allem ausgehend von unserem eurozentrischen Denken, gemeinsame Projekte überhaupt möglich sind. Dass viele gut gemeinte Ansätze an der fehlenden gemeinsamen Sprache scheitern, dass ehrlich gemeinte Kritik überhaupt nicht verstanden wird, dass es keine Mediatoren zwischen den Kulturen gibt.

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Blick aus dem Hotelfenster

Fühle mich fasziniert vom Reiz des nicht nur historisch weit Entfernten und vom sich Bewegen in einem „third space“, wo das Andere, das Fremde, das uns manchmal auch Unheimliche zu einer Auseinandersetzung mit dem geographisch Anderen wird statt zu einer Hinwendung zum verdrängten Anderen des Eigenen. So sind wir zwar Reisende, verlassen aber, ähnlich wie Xavier de Maistre in seiner „Voyage autour de ma chambre“, nicht wirklich das Reich unserer Imagination.

© Text: Martin Rammensee, Bilder: Martin Rammensee, Klaus Pellmann, Harald Sterzenbach; Peter-Lenné-Schule - OSZ Agrarwirtschaft Berlin 2010