Freitag, 26. März 2010

Installation von Solarpaneelen

Wachte noch vor dem Morgengrauen auf. War froh, doch einen guten Schlafsack mitgenommen zu haben. Die ganze Nacht über war es windig gewesen. Hatte mir eine kleine Decke mitgenommen, die ich mir nachts um den Kopf wickelte, dass nur die Augen und die Nase frei blieben. Am Morgen war der Schlafsack vom Tau richtig nass, obwohl es nicht geregnet hatte. So nach und nach erwachte auf den umliegenden Hügeln das Leben. Wieder drangen zahlreiche Vogelstimmen an mein Ohr, das Lachen einer Frau, dann eine kurze Melodie, die immer wieder abbrach, Kinderlachen.

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Im Morgendunst

Oben verblassten die Sterne, hing noch lange der Mond als bleiches Scharrbild über der Horizontlinie. Wie Scherenschnitte traten nach und nach die Schemen der Baumriesen aus dem milchigen Dunst, als hätte ein unbekannter Künstler eine Filmkulisse um die Terrasse mit unseren Feldbetten gestellt.

Ertappe mich noch öfters dabei, dass ich darüber ins Grübeln gerate, welche Bilder sich in unserer imaginären Erinnerung festgesetzt haben, was das Bild von Afrika anbelangt. Bilder einer fiktiven Welt, die im Fremden eine ersehnte bessere Welt imaginiert, immer eurozentrisch geprägt, Claude Lévi-Strauss' „Traurige Tropen“ (oft verwischen sich sogar die Kontinente), die negativen Bilder von Joseph Conrad, die Berichte Livingstons, Filme, wie „Jenseits von Afrika“, etc.

Dabei war alles so ganz anders… waren wir mit den afrikanischen Verhaltensmustern an vielen Stellen wieder und wieder überfordert, was uns öfters zornig werden ließ, dann wieder melancholisch und hilflos, als wäre uns alles Normative schlagartig abhanden gekommen.

Emmanuel hatte uns heute Café versprochen. Und wirklich brachte uns Aimé Nescafé und auf dem Holzfeuer erhitztes Wasser. Dazu Bananen, die Melanie wieder auf dem Kopf zu uns nach oben trug.

Nach dem Frühstück luden wir unsere vier Solarpaneele, die große Aluminiumkiste mit Werkzeug, Kabeln, Fassungen, Lampen, den Gel-Akku, die Schienen, die als Halterungen dienten, etc. ins Auto und pflügten mit krachenden Geräuschen die staubige, hundert Jahre zuvor unter der deutschen Kolonialherrschaft erbaute Straße.

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Solarpaneele für die Krankenstation

Kurze Zeit später – unterwegs mussten wir zahlreiche Dorfbewohner grüßen – gelangten wir zur Krankenstation von Bassossa. Vor der Station warteten schon zahlreiche Frauen mit kranken Kindern auf den Arzt. Noch öfters sollten Männer, deren Frauen Plastikflaschen hochhielten, die über einen Plastikschlauch mit einer Hand des Patienten verbunden waren, unseren Weg kreuzen. Oft schrieen auch Kinder, einmal wurde unsere Arbeit auch vom Stöhnen einer Frau begleitet.

Wir hatten vor, über die Solarpaneele die Krankenstation mit Strom zu versorgen, d.h. mehrere Räume mit Lampen zu versehen, auch später einen kleinen Kühlschrank zu betreiben.

Nachdem wir die Paneele aus den in Berlin mit unseren BQL-Schülern fertig gebauten Transportkisten genommen hatten, schloss Harald diese am Akku an. Er war sofort begeistert von der Menge an Sonneneinstrahlung, die unsere Messgeräte anzeigten. Harald hatte einen Akku-Schrauber so umgebaut, dass wir ihn über ein Paneel direkt betreiben konnten. So reichte die Energie aus, um auch 8-mm-Dübel in den Wänden zu verankern.

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Zusammenbau der Paneele

Ernest, der Arzt der Krankenstation, war von unserem Geschenk für die Dorfgemeinschaft so begeistert, dass er uns spontan Bier spendierte, was bei der Hitze gar nicht so gut war (sollte auch das einzige Bier bleiben, das wir tagsüber tranken, nur der Höflichkeit geschuldet). Er übergab Emmanuel später eine Liste von Medikamenten, die Emmanuel bei Berliner Ärzten einsammeln will, wobei noch überhaupt nicht geklärt ist, wie diese durch den Zoll gelangen sollen, hatte ich doch schon in Paris erhebliche Schwierigkeiten, unsere Medikamente durch die Flughafenkontrollen zu bekommen.

Mittags erschien Melanie, in einem Korb Töpfe mit warmen Essen. Leider konnte Klaus nicht mitessen, da er immer noch erhebliche Schwierigkeiten mit seinem Magen hatte. Es gab wieder ein scharfes Gemüse, Grünkohl vergleichbar, dazu „Pilet des Pommes“, ein ebenfalls gut gewürztes Gemüse mit Yams-Wurzeln, Kartoffeln, Bohnen, Palmöl und Pfeffer, was aber manchmal auch „Liane mou“ genannt wurde (bei der nächsten Reise werde ich auch kulinarisch noch besser vorbereitet sein, also seht mir diesmal etwaige Fehler in der Schreibweise noch nach!)

Später schaute Jean Leche vorbei, den wir nur „den Solinger“ nannten, da er viele Jahre in Deutschland gearbeitet hatte. Vor zwei Jahren musste er Hals über Kopf nach Bassossa zurück, um die Nachfolge seines 80-jährig verstorbenen Vaters anzutreten. Er hatte in einem 9-wöchigen Kurs mit den Ältesten des Dorfes sehr viele Traditionen erlernen müssen. Für mich war überaus spannend, wie Jean immer mehr an Kontur über seine Erzählungen gewann, eine zusehends stärkere Aura bekam. Muss dabei an unsere Kameruner Studenten denken, wie diese hier bei uns in Europa in ein Vakuum geschleudert werden, völlig jeder Legitimation beraubt, ihrer Wurzeln, und von ihrem Gegenüber überhaupt nicht verstanden werden können. (Seit der Reise nach Kamerun sehe ich Afrikaner in unseren Berliner Straßen mit völlig anderen Augen!)

Sah den ersten Häuptling von Bassossa einmal durch die Krankenstation gehen, wie er jedem Patienten zusprach, ihn mit seinen Hände berührte, seine Funktion scheint also auch eine helfende zu sein.

Jean erzählte auf mein Nachfragen weiter, dass er von den Ältesten auch lernte, unter welchen Bäumen Schlangen lebten, welche Orte eine besondere Bedeutung haben.

Für ihn war es auf der Beerdigung besonders befremdend, dass an seinem Tisch nicht seine Freunde saßen, sondern Mitglieder der Gemeinde, nicht nur Alte, sondern dazwischen auch Jüngere. Das traditionelle Alter hat nichts mit dem biologischen Alter des „Ältesten“ zu tun, da das Alter seiner Vorfahren aufaddiert wird, und dieses variiert je nach Bedeutung der Ahnen erheblich. Auch erfuhren wir, dass zwar viele Kameruner getauft sind, d. h. evangelisch oder katholisch, aber dennoch Animisten (Glaube an die Beseeltheit der Natur und ihrer Kräfte) geblieben sind. Dies gilt auch für die Anhänger des Islam in Kamerun.

Unabhängig davon, ob ein Gebäude, nicht nur die Chefferien, eine oder viele Pyramiden als Dächer aufweist, ist die Pyramide immer eine Stufe der Tradition, sind auch viele immer eine…; alle sind gleich, unabhängig von ihrer Höhe oder ihrer Größe. Bis vor einigen Jahren waren diese Dächer immer grasgedeckt, doch seit es das Aluminiumwerk ALUCAM gibt, das allein 75 % der gesamten Elektrizität des Landes verbraucht, gibt es fast überall in Kamerun diese silbern schimmernden Dächer, die zwischen den unzähligen Farbtönen des Dschungels auch ihren Reiz haben.

Wenn wir auch auf den Erinnerungssphären unserer inneren Netzhaut immer diese grasgedeckten Dächer sehen: Die Dachkonstruktion darunter und die unzähligen traditionellen Begrifflichkeiten, die damit in Verbindungen stehen, sind immer noch dieselben.

© Text: Martin Rammensee, Bilder: Martin Rammensee, Klaus Pellmann, Harald Sterzenbach; Peter-Lenné-Schule - OSZ Agrarwirtschaft Berlin 2010