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„Ist Berlin auch die Hauptstadt nachhaltiger Entwicklung?"

Landesstellen-Koordinator Klaus Pellmann hatte eingeladen und etwa 20 Mitarbeiter, Studierende und Freunde der Landesstelle kamen am 9. Juni 2012 zusammen, um seiner Frage auf einer innerstädtischen Exkursion nachzugehen.

Los ging's an einem Ort, der einigen von uns (den etwas Angegrauten) noch als Quelle alternativen Lebens in den 80ern in Erinnerung ist:

ufaFabrik in Tempelhof

Gibt es sie denn schon 30 Jahre, wie es Plakate und Homepage verkünden? Es sind inzwischen sogar bereits 33. Das Gelände mit dem leerstehenden Filmkopierwerk wurde 1979 von Aktivisten einer Schöneberger Künstler- und Handwerks-Kommune besetzt, um fortan als ökologische Modellsiedlung und Zentrum alternativen Lebens in der „Tempelhofer Kulturwüste" zahllose Besucher anzuziehen.

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 ufaFabrik in Tempelhof  Treffpunkt Café Olé  Begrüßung durch Juppi

Wir hätten zur Geschichte Juppi befragen können, der von Anfang an dabei und vielen noch wegen seiner Hundeshow im ufaFabrik-Circus in bester Erinnerung ist, und der mehrfach am Café Olé im Innenhof vorbeischlenderte. Dort hatten wir uns zum Frühstück verabredet, begünstigt durch einen Klimagott, der auch den zahlreichen Solarmodulen und Windkraftanlagen auf dem Gelände gnädig gestimmt war.

Auf ein weiteres „Urgestein" der Szene mussten wir etwas warten: Marco Schmidt, Ökopionier der ufaFabrik, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU und inzwischen offensichtlich weltweit gefragter Experte in Sachen ökologischer Stadt- und Gebäudeplanung. Er war – aus Vietnam kommend – gerade erst wieder in Berlin gelandet.

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Auf dem Gründach mit Marco Schmidt Windenergie per Schlitzrotor Vor der Zisterne

Zehn Minuten nach seinem Eintreffen standen wir aber schon auf einem begrünten und mit Solarkollektoren bestückten Dach. In seiner detaillierten, faktenreichen (und trotzdem spannenden!) Führung erfuhren wir viel über die planerischen Aspekte, die bei der Realisierung von Gründächern, Energiegewinnung mit Solaranlagen und der sinnvollen Nutzung von Regenwasser eine Rolle spielen.

Die Zeit wurde angesichts unserer weiteren Planung nun etwas knapp (und die ufaFabrik-Führung hätte sicherlich tagesfüllend sein können, ohne langweilig zu werden). Wir besichtigten nur noch kurz ein Strohballenhaus, das einen außerordentlich geringen Energiebedarf erreicht und dessen Baumaterial zusammen mit dem Lehmputz für ein gesundes und ausgeglichenes Raumklima sorgt.

Die letzte Etappe dieser Führung galt einer ca. 250 m³ fassenden Zisterne, die in einem früheren Tiefbrunnen der Fabrik entstanden ist. Zusammen mit einer ausgeklügelten Regenwasser- und Abwassersammlung und einer Pflanzenkläranlage sorgt das System für die effektive Nutzung von Wasser und ist damit ein wesentlicher Bestandteil des ökologischen Gesamtkonzepts.

Tempelhofer Freiheit

Nach etwas Verwirrung über den Treffpunkt sammelten wir uns wieder gegen 13 Uhr auf dem ehemaligen Flughafengelände und wurden dort vom Tempelhofer-Freiheit-Guide Robin Kellermann begrüßt. Seine Ausführungen galten zunächst der Geschichte des Areals, vom Exerzierplatz der preußischen Armee über Flugpioniere und Luftbrücke bis zur Stilllegung als innerstädtischem Flughafen.

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Einer! der Eingänge am Columbiadamm Alle wieder beisammen? Begrüßung durch Guide Kellermann

Im Infopavillion waren Pläne zur Zukunft des Tempelhofer Feldes zu besichtigen. Schon wegen seiner schieren Größe und der bedeutenden Lage in der Stadt waren schnell Begehrlichkeiten geweckt und Vorplanungen entwickelt worden, die bis zur umfassenden Bebauung reichten.

Wegen seiner Funktion für das Stadtklima, so unser Guide, sei von einem Großteil dieser Planung mittlerweile jedoch Abschied genommen worden. Angrenzende Quartiere hätten ansonsten mit einer Erwärmung um bis zu 2,5 °C rechnen müssen. Große, zentrale Bereiche des Areals sollen deswegen als Park weiterhin klimaaktive Grünfläche bleiben; im Jahr 2017 will die IGA (Internationale Gartenausstellung Berlin) erste Akzente setzen.

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Vor dem Infopavillion Zukunftspläne - ökologisch? sozial? Unendliche Weiten

Der weitere Weg führte uns über die Landebahn in Richtung Osten. Zirpend und trillernd begleiteten uns Feldlerchen – rund 100 Brutpaare sollen das Trockenrasenbiotop inzwischen bevölkern. Die Füße schienen uns allerdings nicht das adäquate Fortbewegungsmittel für das weitläufige und offene, schattenlose und dem Wind ausgesetzte Gelände zu sein; zahlreiche Rad-, Rollschuh- und Skateboardfahrer, zuweilen sogar Windsurfer, zeigten, wie's anscheinend auch angenehmer geht.

Allmende-Kontor – die Gartenpioniere

Am Ostrand des Geländes, Neuköllner Straßenzüge schon in Sichtweite, trafen wir auf Frauke vom Allmende-Kontor. Dieses versteht sich als Kontakt- und Vernetzungsstelle von Initiativen, die gemeinschaftlich gärtnern wollen (den Begriff „urban gardening" nahm Frauke eher etwas spöttisch in den Mund). Den Gartenpionieren wurden von der Grün Berlin GmbH 5000 qm zur Verfügung gestellt, die allerdings nur „oberirdisch" bewirtschaftet werden dürfen – Konsequenz daraus ist ein etwas an südamerikanische Notsiedlungen erinnerndes Ambiente aus gebrauchten Holzpaletten und sonstigen recycelten Materialien.

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Pionierstimmung Frauke vom Allmende-Kontor Gartenkultur mit Hochbeeten

Mittlerweile wurden etwa 300 Hoch- und Hügelbeete angelegt und Frauke schätzt die Anzahl der aktiven Nutzer auf rund 900. Motivation, Ziele und Organisationsform der Gartengruppen sind recht unterschiedlich, sie nannte beispielhaft den Gemeinschaftsgarten Schillerkiez, der auch Vorlesungen und Veranstaltungen durchführt, Lernort Kultur mit einem Grünen Klassenzimmer für Kindergruppen, den Rübezahl-Garten, Kunstprojekte und Generationengärtnern.

Die Gartenpioniere haben es durch die äußeren Bedingungen nicht leicht. Das offene Gelände und der fehlende Schatten führen zu einem schnellen Verdunsten des Wassers; intensives und regelmäßiges Bewässern ist erforderlich, damit die Beete nicht austrocknen.

Klaus Pellmann stellte vor, wie sich Technikerklassen der Peter-Lenné-Schule, gemeinsam mit der Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen und der HU Berlin, diesem Problem gewidmet haben.

Kann man nicht das Regenwasser auffangen und speichern? In unmittelbarer Nähe befindet sich ein Sickerschacht, den man als Zisterne umnutzen könnte. Leider wurde dieser Plan durch die Grün Berlin GmbH gestoppt. Aktuell blieb daher nur die Möglichkeit, Wassertonnen aufzustellen, die durch ein vorhandenes Standrohr mit Brauchwasser (Regenwasser) aufgefüllt werden. Zahlreiche Nutzer pendelten währenddessen gießkannenschwenkend an uns vorbei, um sich aus diesen Fässern zu bedienen.

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Modellbeet mit Bienenstand Wasservorratstonne Tropfschlauch im Hochbeet

An einem Modellbeet, das gleichzeitig auch einen Bienenstock beherbergt, wird derzeit eine weitere Lösung erarbeitet. Durch seinen Aufbau und die Nutzung eines besonders geeigneten Substrats soll die Wasserspeicherfähigkeit des Beets erhöht werden. Zugleich sorgt ein eigener Wasserbehälter mit daran angeschlossenen Tropfrohren (Netafim-Schläuchen) für eine sparsame, bedarfsgerechte und kontinuierliche Bewässerung.

Gegen 16 Uhr war teilnehmerseitig der Wissensspeicher auf ein Maximum gefüllt, der innere Wasserpegel hingegen auf ein Minimum gefallen. Auf der Tagesordnung stand noch die Abteilung Windenergie mit Besichtigung der Britzer Mühle und praktischer Demonstration durch einen fachkundigen Exkursionsteilnehmer, dies wurde aber aus akutem Energiemangel auf einen Ersatztermin verschoben. Nicht verschoben wurde jedoch der Besuch des Mühlenrestaurants, der in kluger Voraussicht schon gebucht war, um die Exkursion mit ausgeglichener Wasser- und Energiebilanz zu beenden.

Thomas Kayser

 

Fotos:
© 2012 Thomas Kayser, Landesstelle