Interview mit Klaus Pellmann, Koordinator der Landesstelle

pellmann
Klaus Pellmann

Im Februar 2013 führte Narcisse Djakam, ein früherer Kursteilnehmer, mit dem Koordinator der Landesstelle Klaus Pellmann ein Interview für die afrikanische Internetplattform integritude – die Plattform neuer deutscher und sichtbarer Migranten, das wir nachfolgend wiedergeben. 


Können Sie bitte die Landesstelle für gewerbliche Berufsförderung in Entwicklungsländern an der Peter-Lenné-Schule kurz vorstellen?

Die Landesstelle für gewerbliche Berufsförderung in Entwicklungsländern ist eine Fortbildungseinrichtung der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Sie wurde im Rahmen des übernommenen Länderbeitrages zur Entwicklungszusammenarbeit im Jahr 1963 gegründet.

Seit ihrem Bestehen wurden über 2000 Lehr- und Fachkräfte aus über 70 Ländern der Erde erfolgreich qualifiziert.

Neuerdings bilden wir verstärkt im Bereich des Wassermanagements und der regenerativen Energien aus. Unter Wassermanagement verstehen wir die ökologische und ökonomische Nutzung von Trink- und Regenwasser, sowie die Reinigung und Wiederverwendung von häuslichem Brauch- und Schmutzwasser.

Im Fokus der Ausbildung bei den Regenerativen Energien steht die Energieerzeugung mit Hilfe biogener Rohstoffe (Bioenergie), die Nutzung der Sonnenenergie für thermische und photovoltaische Solaranlagen (Sonnenenergie) und die Nutzung der Windkraft (Windenergie).

Die Fortbildungsmaßnahmen werden praxisorientiert und berufsnah durchgeführt, wobei auf eine enge Verknüpfung von Theorie und Praxis besonderer Wert gelegt wird. Wesentliche Ziele der Fortbildung sind die Förderung der Selbstständigkeit der Teilnehmer und die Vermittlung der beruflichen Handlungskompetenz.

01 interview 2013 02 interview 2013
Kursteilnehmer 2011/12 nach Übergabe der Zertifikate Landesstellenteam

Was ist die Vision der Landesstelle und wo liegen die Besonderheiten Ihrer Schule?

Die Landestelle befindet sich in den Räumen der Peter-Lenné-Schule, der größten Schule für Agrarwirtschaft in Deutschland. Die Vorteile dieser Konstellation liegen auf der Hand: die Verbindung von Theorie und Praxis an einer berufsbildenden Schule. Die Schule ist mit Werkstätten für die Holz- und Metallbearbeitung ausgestattet und bietet zusammen mit dem gärtnerisch genutzten Freigelände viele Möglichkeiten, theoretisches Wissen mit praktischen Übungen und Projekten zu verbinden. So sind in den letzten Jahren zusammen mit den Teilnehmern kleine Anlagen entstanden, wie ein Windrad zur autarken Energieerzeugung, eine Windpumpe und Solarmodule zur Förderung von Wasser.

Im letzten Jahr wurden Kleinstbiogasanlagen zur Energieerzeugung gebaut, sowie ein „Dixi-Klo” in eine Trockentoilette umfunktioniert. Unser Ansatz ist die Schaffung von autarken Strukturen in Entwicklungs- und Schwellenländer. Neben der Energieerzeugung aus regenerativen Quellen und dem Wassermanagement spielt auch das Thema Ernährungssicherung eine wichtige Rolle in unserem Programm. Wir arbeiten in der Landesstelle mit einem interdisziplinären Team aus Lehrern und Praktikern. Das ist meines Erachten besonders wichtig für die Akzeptanz und den Erfolg unserer Arbeit.

03 interview 2013 04 interview 2013
Aufbau der Windpumpe im Schulgarten 2009 Installation einer Solarpumpe im Schulteich 2009

Ich hatte die Ehre bei Ihnen einen Kurs zu besuchen. Was ist Ihre Vision? Wo finden Sie die Kraft und die Überzeugung?

Ich komme aus dem gewerblich-technischen Bereich und arbeite an der Peter-Lenné-Schule in der Ausbildung von Gärtnern, Gärtnermeistern und Technikern. Die Landesstellenarbeit gehört zu meinem zweiten Aufgabenfeld in unserer Schule. Mit dem Thema „Wasser – Element des Lebens” habe ich mich nicht nur beruflich als Gärtner, sondern auch in meiner Freizeit intensiv beschäftigt. Zwangsläufig steht das Wassermanagement nun auch im Vordergrund unserer Ausbildung. Wir haben erkannt, dass das Thema „Wasser” eines der Zukunftsthemen der Menschheit ist. Und ich glaube, dieser Bereich wird besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern immer noch stark vernachlässigt.

Mir geht es dabei in erster Linie um hygienische Aufklärung, da sauberes Wasser im engen Zusammenhang mit sanitärer Grundversorgung steht, die in vielen Ländern nicht oder nur unzureichend gewährleistet ist. Unser Ansatz sind einfache Verfahren zur Wassergewinnung und Schmutzwasserbeseitigung, die mit theoretischen und praktischen Grundkenntnissen in die Praxis umgesetzt werden können.

Gleiches gilt für unsere Kursinhalte im Bereich der Regenerativen Energien, die zu einer besseren und gerechteren Energieversorgung der Bevölkerung führen können. Da wir uns nicht nur auf einen Bereich der regenerativen Energieerzeugung beschränken, sondern das gesamte Spektrum von der Bioenergie bis zur Windkraft abdecken, kann auf die Besonderheiten der jeweiligen Länder eingegangen werden.

Die Kursteilnehmer sollen durch unsere Kurse in die Lage versetzt werden, nach Rückkehr in ihre Heimatländer kleine Anlagen der Wasser- und Energieversorgung zu konzipieren und mit Hilfe einheimischer Akteure aufzubauen.

Mir bereitet die Arbeit mit Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen enorm viel Spaß, die Arbeit befriedigt ungemein und erweitert meinen kulturellen und fachlichen Hintergrund. Der Wissensdurst der Teilnehmer erstaunt mich immer wieder aufs Neue und sorgt bei mir und meinen Kollegen für eine hohe Selbstmotivation. Und die gemeinsame Arbeit – möglichst unterstützt durch unserer Schüler und Auszubildenden – beim Bau von Solarkollektoren oder Biogasanlagen in unseren Werkstätten. Das ist sowohl für uns, als auch für die Teilnehmer sehr spannend und zeigt, wie aufwendig und schwierig es teilweise sein kann, eine Solaranlage mit einfachen Mitteln funktionsfähig selber zu bauen.

Ich hoffe, wir können mit unserer Kursen einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensverhältnisse in den Ländern leisten. Den Gedanken einer nachhaltigen Entwicklung wird ebenfalls Rechnung getragen und durch unsere ergänzenden kulturellen Veranstaltungen soll ein intensiver Dialog der Kulturen ermöglicht werden.

05 interview 2013 06 interview 2013
„Kamerun-Tag” in der Peter-Lenné-Schule 2010 Brunnenbaukurs in Mecklenburg 2011

Wie können Sie Ihre Zusammenarbeit mit den Ländern beschreiben? Was sind die Schwierigkeiten?

Meine praktischen Erfahrungen beschränken sich in erster Linie auf Kamerun und Indien, da ich diese Länder auf Dienstreisen kennenlernen durfte. Folglich ist meine Sicht auf die Dinge eingeschränkt und mit gewisser Vorsicht zu genießen. Für mich waren diese Reisen aber enorm wichtig, um zu überprüfen, ob unser Ansatz und unser Programm zeitgemäß und adressatengerecht sind.

Ich möchte nochmals betonen, dass aus unserer Sicht besonders der berufsbildende Bereich in vielen Ländern stark vernachlässigt wird, er spielt oftmals nur eine untergeordnete Rolle. Wer aber soll die von gut ausgebildeten Ingenieuren geplanten Anlagen in die Praxis umsetzen, sprich bauen?

Dafür benötigt man gut ausgebildete Fachkräfte, die häufig nicht zur Verfügung stehen. Bei allem dürfen natürlich nicht die soziokulturellen Faktoren in den jeweiligen Ländern vernachlässigt werden, die eine wichtige Rolle bei der erfolgreichen Umsetzung von Projekten spielen. Ohne Verständnis und Empathie für die besonderen Verhältnisse in den Ländern ist eine nachhaltige Verbesserung der Lebensverhältnisse nicht möglich!

07 interview 2013 08 interview 2013
Eigenkonstruktion einer Biogasanlage in Indien 2012 Installation einer Solaranlage in Kamerun 2010

Am 1. März beginnt in Ihrer Schule ein neuer Kurs? Worum geht es? Wer kann daran teilnehmen? Bekommen die Teilnehmer am Ende eine Zertifizierung? Haben Sie weitere Kurse?

Der Kurs, der am 1. März 2013 beginnt und über einen Zeitraum von 3 Wochenenden (jeweils freitags und samstags) läuft, beschäftigt sich thematisch mit „Bioenergie”. Neben den physikalisch-chemischen Grundlagen werden Aufbau und Funktionsweise von Biogasanlagen erläutert.

Die Beschreibung ausgewählter Substrate, Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten von Biogas ergänzen das theoretische Wissen. Im praktischen Teil werden Gasanalysen und die Analyse des Gärsubstrates durchgeführt. Den Schlusspunkt des Moduls bildet die Konzeption einer kleinen Biogasanlage, eine Modellanlage soll in Zusammenarbeit mit den Teilnehmern gebaut werden.

Das Thema regenerative Kraftstoffe (Biokraftstoffe) findet bei Bedarf ebenfalls Berücksichtigung in der Kursplanung. Neben Motorenkunde werden Generatoren zur Stromerzeugung und die Kraft-Wärme-Kopplung am Beispiel von Blockheizkraftwerken erläutert.

Im Anschluss an die Bioenergie findet ab April 2013 ebenfalls an der Peter-Lenné-Schule der Kurs „Wassermanagement” statt. Inhaltlich beschäftigen wir uns mit den Themen Wassergewinnung durch Grundwasserbrunnen, Wasserspeicherung durch Zisternen, Wasserrückhaltung durch Versickerung und der ökonomischen und ökologischen Ausbringung von Wasser auf gärtnerisch und landwirtschaftlich genutzten Flächen. Aber auch die hygienischen Aspekte im Umgang mit Wasser stehen im Fokus der Betrachtungen. Nachhaltige Sanitärsysteme und Schmutzwasserreinigung durch naturnahe Systeme wie Pflanzenkläranlagen runden den Themenkomplex ab.

Nach den Sommerferien im August beginnt dann der neue Kurs für „Solar- und Windenergie”. Dieses Modul geht über einen Zeitraum von 6 Monaten und findet aus technischen und organisatorischen Gründen an der Knobelsdorff-Schule, dem OSZ Bautechnik I in Spandau, statt.

Auf Wunsch der Teilnehmer können einzelne Inhalte vertieft oder modifiziert werden. Darüber hinaus können bei Bedarf auch Blockkurse zum Schweißen und zur Wasserversorgungstechnik an anderen Oberstufenzentren angeboten werden, die mit der Berliner Landestelle kooperieren. Außerdem können wir bei Interesse auch in der Berufs- und Arbeitspädagogik schulen, sowie EDV-Unterricht anbieten.

Regelmäßige Fachexkursionen zu den Themenschwerpunkten Wasser und Energie runden das Gesamtpaket ab.

Teilnehmen kann grundsätzlich jeder, der sich für die Themen interessiert und sich entwicklungspolitisch engagieren möchte. Die Kurse sind zurzeit noch kostenlos, am Ende eines Schuljahres erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat.

Eine Anmeldung zu den Kursen, die auch als einzelne Module gebucht werden können, kann jederzeit stattfinden. Über die Homepage www.landesstelle.org oder telefonisch ist eine Anmeldung möglich. Jeder Interessent erhält eine Bestätigung und wird in die Teilnehmerliste aufgenommen. Bisher mussten wir noch keinen Interessenten aufgrund fehlender Plätze abweisen!

09 interview 2013 10 interview 2013
Biogaskurs 2012 Einfache Biogasdemonstrationsanlagen

Was können Sie über die Entwicklungspolitik von Deutschland sagen und wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der Entwicklungszusammenarbeit?

Wenn man über Entwicklungspolitik spricht, muss man sicherlich erst einmal unterscheiden zwischen staatlicher und nicht-staatlicher Zusammenarbeit. Wir sind schließlich auch eine staatliche Einrichtung, getragen von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Im Vergleich zu früheren Zeiten sind unsere finanziellen und personellen Mittel begrenzt, die Prioritäten der Entwicklungszusammenarbeit auf der staatlichen Ebene haben sich verlagert. Die gewerbliche Berufsförderung spielt heutzutage eine untergeordnete Rolle in der Entwicklungszusammenarbeit, Themen auf der Dienstleistungs- und Managementebene sind in den Fokus der Betrachtungen gerückt. Darunter hat auch unser Ansatz gelitten, gewerbliche Berufsförderung wurde in die Partnerländer verlagert. Dies mag aus finanziellen Erwägungen eine vernünftige Entscheidung sein, aber löst häufig nicht die örtlichen Ausbildungsprobleme.

Gute Konzepte kommen zurzeit vornehmlich aus den Reihen der NGOs. Sie müssen keine bürokratischen Hürden bei der Durchführung von Projekten überwinden und finanzieren sich in der Regel größtenteils über Spendenmittel. Es gibt in diesem Bereich so viele interessante und auch nachhaltig sinnvolle Projekte, deren Ideen auch in die Arbeit der Landesstelle einfließen.

Ist man bei Projekten auf die Vergabe von Mitteln staatlicher Stellen angewiesen, wird das Verfahren sehr schnell bürokratisch und in den „Mühlen der Verwaltung” zermahlen. Eine einfachere und transparentere Herangehensweise wäre hier wünschenswert. Außerdem glaube ich, dass nach dem Wechsel im Ressort des Entwicklungsministeriums vor drei Jahren viel häufiger nach den wirtschaftlichen Interessen des „Geberlandes” Deutschland geschaut wird.

Was können Sie über die Begriffe „Migration, Integration, Partizipation” sagen? Ist die „Multikulti-Gesellschaft” gescheitert, wie Frau Dr. Merkel einmal gesagt hat?

Die Begriffe Migration, Integration und Partizipation stehen in einem engen Zusammenhang! Sie bilden für mich eine logische Reihe bis zur Entwicklung einer „Multikulturellen Gesellschaft”, dem friedlichen Mit- und Füreinander unterschiedlichster Kulturen in einer Gemeinschaft.

Berlin ist eine typische Migrationsstadt, in der Menschen aus verschiedensten Kulturkreisen eine neue Heimat gefunden haben. Das beziehe ich auf die europäischen Migranten, gilt aber uneingeschränkt auch für Menschen aus anderen Kontinenten. Ich bin mir sicher, dass durch die Attraktivität der Stadt – besonders für junge Leute – die Migration weiter zunehmen wird und das Leben in Berlin positiv bereichert.

Beim Thema Integration fällt mir die Analyse nicht einfach. Integration findet meines Erachtens nur in Ansätzen statt, in manchen Berliner Bezirken ist die Situation für die Bewohner mit Akzeptanzproblemen verbunden. Hier muss von allen Seiten mehr für die Integration getan werden, ohne die kulturelle Vielfalt zu vernachlässigen bzw. zu verlieren. Menschen müssen mehr aufeinander zugehen, eine von der Politik „verordnete Integration” löst die Probleme nicht.

Und nun zur Partizipation. Sie stellt für mich die höchste Stufe des menschlichen Miteinanders dar. Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt, aber vielleicht können auch wir einen kleinen Beitrag zum besseren Verständnis der Kulturen leisten, deren Idealmodell die „multikulturelle Gesellschaft” sein könnte!

11 interview 2013 12 interview 2013 13 interview 2013
Dienstreise zum Aufbau eines Bildungs-
zentrums in Kamerun
Bau eines Hockers im Holzbearbeitungskurs Wartung des Windrades mit Kursteilnehmern

 

 

Bildnachweis:
© 2013 Landesstelle für ge­werb­li­che Be­rufs­för­de­rung in Ent­wick­lungs­län­dern Berlin